Derzeit sind mehrere Kioskleiterinnen auf Tour durch die Valora- Filialen. Der PR-Trupp möchte ihre Kolleginnen auf die Vorteile des Agenturmodells aufmerksam machen. Und das funktioniert so: Die Leiterin des Kiosks, bisher Angestellte der Valora, gründet mit 20000 Franken eine GmbH. Dann stellt sie ihre bisherigen Kolleginnen als Mitarbeiterinnen an. Sie selber bleibt in Valora-Diensten, hat aber keinen festen Lohn mehr, sondern eine Umsatzbeteiligung. Wenn sich alle anstrengen und der Laden läuft, liegt mehr Lohn drin. Sonst halt weniger.

VALORA SPART. Rund dreihundert ihrer tausend Kioske in der Deutschschweiz und im Tessin will Valora aufs Agenturmodell umrüsten. Dies, um den Umsatz zu steigern. «Ein ambitiöses Ziel», sagt Valora- Sprecher Mladen Tomic. Illusionen, dass es bald erreicht wird, macht er sich keine. «Wir zwingen niemanden, alles ist freiwillig.» Der Start ist harzig. Erst drei Kioske sind wie gewünscht Agenturen. Welche Kioskfrau hat schon 20000 Franken für eine Firmengründung übrig? Noch ist also viel Überzeugungsarbeit nötig. Doch die Valora-Manager sind zuversichtlich. Das Agenturmodell ist in Nordeuropa verbreitet. Und auch Konkurrentin Naville, die den Kioskmarkt in der Westschweiz beherrscht, praktiziert es seit längerem.
Das Modell wird laut Valora- Sprecher Tomic als «Win-win-Situation » angepriesen. Vor allem aber profitiert der Konzern. Er würde enorme Personalkosten einsparen. Bei insgesamt 6900 Mitarbeitenden des Bereichs Valora Retail (Kioske, Convenience, Gastronomie, Grosshandel und Verkauf) wären über 2000 Kioskfrauen künftig nicht mehr Valora-Angestellte. Sie wären auch nicht mehr dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt. Sie wären neu Angestellte der Kioskleiterinnen, die nun das Geschäftsrisiko als Scheinselbständige tragen. Zudem könnte Valora Kosten der zentralen Einsatzplanung einsparen. Das Agenturmodell entpuppt sich als Risikoabwälzung aufs Personal. Und der Druck, mehr Umsatz zu erziehlen, steigt.

KIOSKFRAUEN VERLIEREN. Robert Schwarzer, Unia-Verantwortlicher für den Detailhandel, kritisert das Modell scharf: «Wer gewinnt, ist Valora. Verliererinnen sind die abhängigen Kioskfrauen. Ihr Lohnschutz fällt weg.» Dennoch weckt das Agenturmodell an der Basis Hoffnungen. «Manche finden es gut, weil sie hoffen, endlich den Chef los zu sein», hat Judith Venetz, Unia- Sekretärin in Thun, erfahren.

work, 1.07.2010