Wer mit den SBB von Lausanne nach Genf
fährt (wenn sie gerade einmal keine Panne haben),
entdeckt kurz vor Genf im Dörfchen Bellevue
die ultramodernen Büropaläste der Latsis-
Gruppe. Sie liegen in einem wunderschönen
Park. Die Familie Latsis besitzt dem Vernehmen
nach das grösste Privatvermögen Griechenlands.
Teilweise
wird es aus der
Schweiz verwaltet,
teilweise
aus Luxemburg.
Dank dem
Wohlwollen des Genfer Finanzministers David
Hiller, eines Grünen, der von einer sozialistischgrünen
Allianz gewählt wurde, zahlt Latsis in
Genf Steuern: eine bescheidene Pauschalsteuer,
genannt «forfait fiscal».
FLUCHTGELDER. Gemäss Schätzungen der Europäischen
Zentralbank liegen in der Schweiz
36 Milliarden Euro unversteuerter Fluchtgelder
griechischen Ursprungs. Diese Steuer- und
Kapitalflucht ist permanent: Im Januar 2010
flossen griechische Fluchtgelder von drei, im
Februar von fünf Milliarden Euro zu ausländischen
Banken.
Derweil erlebt das griechische Volk eine Erpressung,
wie sie in der jüngeren Geschichte unseres
Kontinents einmalig ist. Ein Blick zurück:
Während langer Jahre regierte in Athen die
Clique um den scharf rechten Kostas Karamanlis.
Als politischer Handlanger der griechischen
Hochfinanz half er gewissenhaft bei der Plünderung
des Landes. Beispiel: Die Gebühren und
Ticketsteuern der griechischen Flughäfen wurden
dank einem Geheimvertrag mit der New
Yorker Investmentbank Goldman Sachs auf
sechs Jahre hinaus verpfändet. Die aufgenommenen
Millionenkredite verschwanden.
ERPRESSUNG. Als die sozialdemokratische
Pasok im letzten Jahr die Wahlen gewann, belief
sich das griechische Staatsdefizit auf 124 Prozent
des Bruttoinlandproduktes. Giorgos
Papandreou, der neue Ministerpräsident, ist ein
glatzköpfiger Mann Ende Fünfzig, sanftmütig,
freundlich, geduldig. Ihm gehen jetzt die
europäischen Zentralbanker an die Gurgel.
Denn das griechische Staatsdefizit bedroht den
Euro. Das Sparprogramm, das dem griechischen
Volk von der EU und dem Internationalem
Währungsfonds (IWF) aufgezwungen wird,
bedeutet Verarmung und Elend für einen grossen
Teil des Volkes: Massive Steuererhöhung für
Lohnabhängige, Streichung ganzer Sozialprogramme
im Schul- und Spitalbereich, massive
Senkung der Löhne, Entlassung tausender
Beamter, quasi totale Privatisierung der öffentlichen
Sektoren.
In ihrem Kern wirken EU und IWF als Söldnerorganisationen
der westlichen Konzerne: Griechenland
wird ihnen zu besten Konditionen
übergeben. Aber es gibt mächtige Gewerkschaften
in Griechenland. Und auch die europäischen
Gewerkschaften schauen nicht nur zu.
Spitzenvertreter, unter ihnen John Monks, Präsident
des Europäischen Gewerkschaftsbundes,
und Paul Fourier von der französischen CGT
waren dieser Tage in Athen, um europaweit
den gewerkschaftlichen Protest zu koordinieren.
Ihnen und dem geplagten griechischen Volk
schulden wir unsere energische Solidarität.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden
Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor.
Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien
auf Deutsch im Herbst 2009.
work, 20.05.2010



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