Samstagvormittag. Langes Telefongespräch
mit einem berühmten Ex-Staatsanwalt der
lateinischen Schweiz. Ospel, Kurer, Wuffli,
Weil, Rohner, Liechti und andere Missetäter
haben innerhalb der UBS so etwas wie eine
kriminelle Organisation errichtet. Untreue
Geschäftsführung, Betrug, Urkundenfälschung
sind Offizialdelikte. Die Zürcher
Justiz müsste das aufklären und Delinquenten
verfolgen. Warum tut sie es nicht? Ich frage
den Ex-Staatsanwalt: «Korruption?» – «Nein,
schlimmer», antwortet er. «Es ist Faulheit.»
FAUL IM FILZ. Eine Strafuntersuchung gegen
die Beutejäger der UBS wäre sicher aufwendig
und ermüdend für die Staatsanwälte. Dass
sie, wie jeder normale Mensch, lieber der
Arbeit aus dem Weg gehen, als schwierige
Dossiers anzupacken,
ist verständlich.
Sicher ist mehr im
Spiel: Der Filz bedeckt
das Land. Für einen
Zürcher Staatsanwalt
muss es ein Albtraum
sein, einen Grossbankenmogul vor den Richter
zu bringen. Allein schon der Gedanke macht
ihn erzittern.
Von Jean-Jacques Rousseau stammt der Satz:
«Der Reiche trägt das Gesetz in seinem Geldbeutel.
» Das gilt vor allem in Zürich.
Und wie steht es mit Zivilprozessen? Kaspar
Villiger ist die ideale Schaufensterpuppe für
die Grossbanken.
Mittwoch, 14. April: Die UBS-Aktionäre verweigern
den Wegelagerern die sogenannte
Décharge. Sofort erklärt Lakai Villiger: Einen
Schadenersatzprozess wird es nicht geben.»
Die Aktionäre hätten «bloss Dampf abgelassen
». Arroganter geht es kaum mehr. Wenn
Villiger und Grübel keine Klage erheben,
machen sich Ospel, Wuffli, Kurer und Komplizen
mit ihren Boni-Millionen aus dem Staub.
Wir haben heute in der Schweiz einen Wohlfahrtsstaat
für Manager. Die vom Bankrott
bedrohte UBS erhielt 61 Milliarden Franken
von den Steuerzahlenden. Im Jahr 2009 verteilten
die Bonzen unter sich – neben astronomischen
Salären – Boni im Umfang von
4 Milliarden Franken. Lies: 4000 Millionen
Franken. Der Bundesrat und die Söldner der
Finanzmarktaufsicht (Finma) schauten milde
lächelnd zu. Im Parlament protestierten ein
paar, dann kehrte die helvetische Ruhe
zurück.
GEHORSAM GARANTIERT. Der ehemalige
UBS-Angestellte Hans-Rudolf Merz, dienstfertiger
Finanzminister der Eidgenossenschaft,
soll – gerüchteweise – nächstens aus
seinem Amt entfernt werden. Freisinnige
Kronfavoritin für seine Nachfolge ist Karin
Keller-Sutter. In «Le Matin» erklärte sie: «Mein
Vorbild – sowohl politisch wie ökonomisch –
ist Kaspar Villiger.»
Die Grossbankenmoguln können beruhigt
sein. Der ehemalige UBS-Direktor Eugen
Haltiner wird weiterhin die Finma lähmen.
Frau Keller will Villiger imitieren: Sie verspricht
weiterhin Gehorsam den Geldsäcken.
Die totale Straffreiheit für Finanzhalunken
bleibt gesichert.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden
Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor.
Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien
auf deutsch im Herbst 2009.
*Ein zu grosser Fisch fürs Gefängnis
work, 29.04.2010



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