Der französische Schriftsteller Régis Debray
schreibt: «Sie haben den Tropenhelm abgelegt,
aber darunter bleibt ihr Kopf kolonialistisch.
» Debray hat recht: Mentalstrukturen
ändern sich viel langsamer als materielle
Situationen.
KLIMAKILLER. Kevin Conrad, ein untersetzter,
energischer Mann mit kupferner Hautfarbe,
ist der Delegierte von Papua-Neuguinea bei
der Klimakonferenz in Kopenhagen. Er ist der
Sprecher der «Gruppe
der 77». Das ist
jene Staatengruppe,
welche die 77
fortschrittlichsten
Entwicklungsländer vertritt. Bereits am zweiten
Tag der Konferenz drohte er damit, den
Konferenzsaal zu verlassen. «So kann man
mit uns nicht reden», sagte Conrad. «Wir ertragen
diesen Kolonialherrenton nicht.»
Uno-Experten schätzen den jährlichen Ausstoss
von Treibhausgasen auf etwa 30 Milliarden
Tonnen. Davon stossen allein die USA
zwischen 6 und 7 Milliarden Tonnen aus. Die
27 Staaten der EU fast ebenso viel. Nach
Weltbankstatistik wurden letztes Jahr 25 Prozent
aller Industriegüter von US-Unternehmen
produziert. Der Schmierstoff für diese
unglaubliche Produktionsmaschine ist das
Erdöl. Die USA verbrauchen täglich 20 Millionen
Barrel (3,2 Milliarden Liter). Und sie
weigern sich, ihren Konsum zu senken. Im
Gegenteil: Mit Milliarden Subventionen hilft
die Obama-Administration, die Automobilkonzerne
zu retten und den Verkauf von Personenwagen
massiv zu erhöhen.
Gleichzeitig verlangt sie eine drastische Senkung
der Luftverschmutzung durch die mit
Kohle betriebenen Kraftwerke. In Indien und
China werden 80 Prozent der thermischen
(Heizung) und industriellen (Elektrizität)
Energie durch Kohle hergestellt. Ein Verbot
von Kohleverbrennung verursachte in den betroffenen
Ländern einen sofortigen Produktivitätseinbruch.
MISSACHTUNG. Eine Klimaerwärmung von
2 Grad Celsius lässt den Meeresspiegel um drei
Meter steigen. Das Packeis der Pole würde ungeheure
Wassermengen freisetzen. Mehrere
pazifische Inselstaaten bildeten zusammen
mit den Malediven in Kopenhagen eine äusserst
aktive Gruppe. Denn ihnen droht bei
einem Anstieg des Meeresspiegels die Überflutung.
Doch der Westen beachtete sie kaum.
Die Sahara schreitet pro Jahr etwa fünf Kilometer
nach Süden vor. Die Sahel-Staaten fordern
von den westlichen Industrienationen die
lange schon zugesagte Finanzierung einer
«Grünen Mauer»: eines 15 Meter breiten Waldstreifens
aus Eukalyptusbäumen, der von der
Atlantikküste bis in den Sudan reichen und
die Bodenerosion aufhalten soll. Doch in Kopenhagen
wurde die Finanzierung verweigert.
Fazit: Die Weltkonferenz für Klimaschutz in
Kopenhagen war nicht einfach ein banaler
diplomatischer Misserfolg. Sie hat das Unverständnis
zwischen den westlichen Industriestaaten
und den Völkern des Südens vergrössert
und die materielle Kluft vertieft.
Jean Ziegler ist Soziologe, Mitglied des beratenden Ausschusses
des Uno-Menschenrechtsrates, alt SP-Nationalrat
und Autor. Soeben erschien sein neues Buch «Der Hass auf
den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen
Weltkrieg wehren.»
work, 17.12.2009



Zurück

