Bleischwer liegen die Monsunwolken über Bangladeshs Millionenstadt Chittagong. In der Ferne glitzert der Golf von Bengalen. Die Schule liegt auf einem Hügel, am Ostrand der Stadt. Sie ist mit einer Betonmauer umgeben. Ein Eisentor verwehrt den Zugang. Jeden Tag um 14 Uhr kommen die weissen Lastwagen des Uno-Welternährungsprogramms (WFP). Sie bringen Mais, Mehl und Gemüse. Zwei Dutzend Mütter machen Feuer unter riesigen Kesseln. Sie kochen den täglichen Brei und die Gemüsesuppe. Eine Stunde später stehen die Kinder in langen Schlangen vor den Holztischen – und strecken den Müttern Blechteller entgegen. Für die meisten dieser Kinder ist es die einzige anständige Mahlzeit in 24 Stunden. Das Eisentor bleibt geschlossen: die Kinder sollen gleich hier essen. Immer wieder wollen einige von ihnen mit dem vollen Teller in die nahe Slumsiedlung entkommen, um den Brei mit ihren Geschwistern, ihren Eltern zu teilen. Das war im Jahr 2007.

DER WESTEN SPART. Vor drei Monaten hat die Uno die Mahlzeit für 1 Million Schüler und Schülerinnen in Bangladesh ersatzlos gestrichen. Als Folge der Finanzkrise stellten die EU-Staaten 1700 Milliarden Euro bereit, um den Kreditmarkt zwischen den Banken wieder zu beleben. Für das Welternährungsprogramm hatten sie danach kein Geld mehr. Dessen Budget brach von 6 auf 3,2 Milliarden US-Dollar ein. Der französische Schriftsteller Alphonse Allais schrieb: «Wenn die Reichen abmagern, sterben die Armen.»
In Rom fand soeben die dritte Welternährungskonferenz statt. Westliche Staats- oder Regierungschefs zeigten sich kaum. Zwingende Beschlüsse wurden nicht gefasst. Auch künftig dürfen Hunderte von Millionen Tonnen Getreide und Mais zur Herstellung von Agrartreibstoffen verbrannt werden. Auch künftig darf die EU mit ihren subventionierten Agrarprodukten die Märkte Afrikas überschwemmen. Die Wünsche der Hungerländer zerschellten an der Betonwand des westlichen Kollektivegoismus.
Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. 47000 Menschen sterben pro Tag an Hunger oder seinen Folgen. Erstmals in der Geschichte stieg im April die Zahl der permanent unterernährten Menschen auf über eine Milliarde.

SCHWEIZ NICHT INTERESSIERT. Am Trauerspiel in Rom nahm auch eine Schweizer Delegation teil. Die Schweiz ist ein wichtiges Mitgliedland der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno, der FAO. Sie unterhält sogar einen eigenen, nur bei der FAO akkreditierten Botschafter. Aber keine Bundesrätin, kein Bundesrat bequemte sich nach Rom. Ein paar Agrarbürokraten aus dem Departement von Doris Leuthard sassen gelangweilt im Saal. Eine Freundin, der ich vom schweizerischen Desinteresse erzählte, antwortete mir lakonisch: «Warum nach Rom gehen? Bei uns gibt es ja genug zu essen.» Nicht nur die Finanzhalunken, sondern auch indifferente Bürokraten können töten.


Jean Ziegler ist Soziologe, Mitglied des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates, alt SP-Nationalrat und Autor. Soeben erschien sein neues Buch «Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.»

work, 19.11.2009