Das weisse Blechschild am Bahnhof Gisikon-
Root LU trägt die Aufschrift «53-1»: 53,1
Kilometer ab Hauptbahnhof Zürich, heisst
das. Einmal pro Woche kommt Heinz Emmenegger
hier zu Fuss vorbei, abwechselnd
von Luzern oder von Rotkreuz her; das eine
Mal vor allem das linke, das andere Mal vor
allem das rechte Geleise im Blick.
Bevor er weitergeht, verlangt er per
Handy beim Zentralstellwerk ein «Wechselbetriebsverbot
für das Geleise 400». Bis zum
Widerruf dieses Verbots fahren die Züge auf
der rechten Spur ausschliesslich in Richtung
Rotkreuz: «So sehen wir garantiert
alle Züge von vorn, wenn wir Richtung Ebikon
gehen», sagt er. Eine Sicherheitsmassnahme.
Die Arbeit an den Geleisen verlangt
stundenlange Konzentration: «Wenn ich
auf dem Geleise knie und ein Zug von hinten
kommt – die Schrecksekunde kann ich
mir gar nicht leisten. Ich wäre sofort tot.»
HERZSTÜCK UND KOPF. Nach einer Rechtskurve
verliert sich das Geleise hinter Gisikon
als vier Kilometer langes schnurgerades
Band. Ein übersichtliches Gelände zwar,
aber hier fahren die Züge mit 140 Kilometern
pro Stunde. Jedes Mal, wenn ein Zug
naht, streckt Emmenegger in seiner grellorangen
Arbeitskleidung den rechten Arm
weit in die Höhe. Eine Sicherheitsmassnahme:
So weiss der Lokführer, dass der Mann
am Trassee den Zug gesehen hat.
Wir gehen hintereinander auf dem
«Bankett», dem schmalen Streifen zwischen
geschottertem Geleise und Böschung.
Wenn Emmenegger sagt: «Es isch suuber»,
heisst das, es sei kein Zug in Sicht. Zeigt er
eine neu glänzende «Zungenvorrichtung»
oder ein «Herzstück», so sind das Teile von
Weichen. Redet er von «Kopf», «Steg» oder
«Fuss», sind das Teile der Schiene.
Jeden Schaden, den Emmenegger entdeckt,
notiert er für seinen Rapport. Später
wird jede Beobachtung in die Pendenzenliste
des Streckenabschnitts übertragen: Befund,
Ortsangabe, Prioritätenvermerk zur
Dringlichkeit der Reparatur.
WIE EIN GEWEHRSCHUSS. Als Emmenegger
vor knapp zwanzig Jahren zum ersten
Mal losgezogen ist, tat er das ohne genauen
Auftrag, und abends habe er bloss unsystematisch
das eine oder andere rapportiert:
«Heute hat meine Arbeit mehr Anerkennung,
der Auftrag ist klar, und ich dokumentiere
jeden Meter Schiene. Ich bin
draussen im Gelände das Auge meines
Chefs.» Verantwortung und Anforderungen
hätten dadurch zugenommen. Bloss von einer
Zunahme seines Lohns habe nie jemand
etwas gesagt.
Metall arbeitet. Im Sommer können
sich Schienen verbiegen, im Winter zerreissen.
Dann kommt es zu Schienenbrüchen.
Entdeckt sie nicht der Streckenwärter, dann
auf unliebsame Weise der nächste Lokführer,
der die Bruchstelle passiert: Der Schlag
sei heftig und der Knall «wie ein Gewehrschuss
», sagt Emmenegger.
Gute Augen braucht er – und gute Ohren:
Als er im Hauptbahnhof Luzern eines
Morgens zur Arbeit gekommen sei, habe er
aus dem ganzen Lärm ein klirrendes Geräusch
herausgehört und sofort gewusst:
«Das gehört nicht hierher.» Er zieht sich um,
eilt auf die Geleise hinaus, findet eine verdächtige
Stelle und beobachtet den nächsten
darüberfahrenden Zug: Jeder Achsendruck
habe ein dreissig Zentimeter langes
Stück des Schienenkopfs angehoben und
klirrend zurückfallen lassen. Ein akutes
Entgleisungsrisiko.
In solchen Situationen entscheidet
Emmenegger selbständig vor Ort, was zu
tun ist. Ein Bruch bedeutet sofortige Streckensperrung,
ein Anriss Tempodrosselung
und die Alarmierung des Pikettdienstes. Natürlich
bedeute jede Massnahme für die
SBB-Statistik unerwünschte Verspätungsminuten.
Aber Priorität habe für ihn nicht die
Pünktlichkeit, sondern die Sicherheit.
DAS PROBLEM IST DER UNTERHALT. «Heute
sind die Geleise am Limit», sagt Emmenegger.
Der Verkehr wird immer dichter, die Züge
werden schneller und zum Teil schwerer,
der Materialverschleiss entsprechend grösser:
«Auch in meinem Bereich gibt es Schienenabschnitte,
die heruntergefahren sind
und jetzt ersetzt werden müssten.»
Es räche sich, dass jahrelang beim Unterhalt
gespart worden sei: Die Schäden
häuften sich, und gleichzeitig heisse es immer
öfter, es gebe kein Geld, man müsse
sparen. «Aber das darf mich nicht interessieren.
Ich bin für die Sicherheit da, nicht fürs
Geld.»
Kurz vor dem Bahnhof Ebikon ein
rostbraunes Schild: «58-2». Emmenegger erzählt,
in seinem Rayon seien für den «systematischen
Unterhalt» besonders verschlissener
Abschnitte sechzig Anträge gestellt
worden. «Bisher sind zwei bewilligt worden.
Der Rest wurde aus Kostengründen verschoben.
» SBB-Chef Andreas Meyer hat die Kosten
für den nachzuholenden Unterhalt vor
wenigen Wochen auf eine Milliarde Franken
beziffert.
«Aus meiner Sicht geht es nicht anders:
man muss Neubauprojekte zurückstellen
und in den Unterhalt investieren», sagt Emmenegger.
Dann verschwindet er hinter
dem Perron des Bahnhofs Ebikon in Richtung
Rotsee.
work, 22.10.2009


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